
ABX und TRIMT: Radiopharma-Zusammenschluss in Sachsen
Mit der Übernahme der sächsischen TRIMT GmbH baut ABX seine Pipeline in der Präzisionsonkologie aus. Im Zentrum stehen cyclopeptidbasierte Radiopharmaka gegen Integrine, die sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie zur Anwendung kommen sollen.
Der Radiopharmaka-Spezialist ABX advanced biochemical compounds (Radeberg, Sachsen) übernimmt die TRIMT GmbH ebenfalls aus Radeberg, die einen Ursprung in der Technischen Universität München hat. Damit kommen drei klinisch entwickelte Radiopharmaka sowie eine proprietäre Cyclopeptid-Plattform zum Portfolio von ABX. Finanzielle Details der Transaktion wurden nicht veröffentlicht.
TRIMT wurde 2021 von Wissenschaftlern gegründet und hat sich auf Radiopharmaka konzentriert, die gezielt an die Integrine αvβ6 und αvβ8 binden. Diese Zelloberflächenrezeptoren sind in vielen gesunden Geweben erwachsener Menschen nur gering ausgeprägt, können aber bei verschiedenen Tumorerkrankungen deutlich hochreguliert sein. Damit bieten sie einen Ansatzpunkt für die molekulare Bildgebung und die gezielte Radionuklidtherapie.
Das prominenteste Programm ist ⁶⁸Ga-Trivehexin, ein PET-Tracer gegen αvβ6. Die Substanz ist bereits klinisch erprobt und wurde unter anderem bei Patienten mit Pankreas-, Kopf-Hals- und Lungenkrebs untersucht. Dabei geht es nicht nur darum, Tumorgewebe sichtbar zu machen: Die Expression des Zielmoleküls kann zugleich Hinweise darauf liefern, ob ein Tumor grundsätzlich für eine gegen dasselbe Target gerichtete Therapie geeignet sein könnte. Klinische Arbeiten haben das Potenzial von Trivehexin für die Darstellung verschiedener Karzinome gezeigt.
Auf diese diagnostische Komponente baut das zweite αvβ6-Programm auf: ¹⁷⁷Lu-Therahexin ist der therapeutische Partner von Trivehexin. Während Gallium-68 als Positronenstrahler für die PET-Bildgebung eingesetzt wird, trägt Therahexin das therapeutisch genutzte Lutetium-177. Das Grundprinzip entspricht damit dem der Theranostik: Zunächst wird mit einem Radiotracer untersucht, ob und wo das Target vorhanden ist; anschließend kann dasselbe biologische Ziel für die Behandlung mit einem therapeutischen Radionuklid genutzt werden.
Genau diese Verbindung von Bildgebung und Therapie macht αvβ6 für TRIMT interessant. Das Unternehmen ist dabei nicht aus einer klassischen Wirkstoffentwicklung heraus entstanden. Die Gründer wollten nach eigenen Angaben eine Klasse von Integrin-bindenden Molekülen aus der akademischen Forschung in klinisch nutzbare Radiopharmaka überführen. Die zugrunde liegenden Arbeiten gehen unter anderem auf die Technische Universität München zurück. TRIMT-Mitgründer Johannes Notni war dort Professor für experimentelle Radiopharmazie.
Ein zweites Target kommt hinzu
Mit ⁶⁸Ga-Triveoctin besitzt TRIMT zudem einen klinisch entwickelten PET-Tracer gegen das verwandte Integrin αvβ8. Damit geht die Plattform über ein einzelnes Target hinaus. αvβ6 und αvβ8 gehören zwar zur gleichen Integrinfamilie, sind aber unterschiedliche molekulare Zielstrukturen. TRIMT hat dafür eigene Cyclopeptid-Liganden entwickelt. Wissenschaftliche Arbeiten beschreiben Trivehexin und Triveoctin als trimer aufgebaute, auf eine hohe Zielbindung ausgelegte Moleküle.
Das ist für ABX strategisch relevanter als die Übernahme eines einzelnen Wirkstoffkandidaten. Eingekauft wird eine Kombination aus Targetwissen, Ligandenchemie, geistigem Eigentum und klinischen Programmen. Die Technologie kann damit perspektivisch auf weitere theranostische Anwendungen ausgeweitet werden.
TRIMT selbst bezeichnet sich als wissenschafts- und datengetriebenes, von Erfindern gegründetes Unternehmen. Der Standort Radeberg wurde dabei bewusst gewählt: In Sachsen treffen Forschungseinrichtungen, Radiopharma-Industrie und klinische Partner aufeinander. Die Entwicklung von Trivehexin und weiterer αvβ6-gerichteter Radiopharmaka wurde zudem öffentlich gefördert. Für das EFRE-Projekt INTRA waren zwischen 2023 und Anfang 2026 förderfähige Gesamtkosten von rund 2,6 Mio. Euro vorgesehen, davon gut 1,5 Mio. Euro EU-Mittel.
ABX bringt die Infrastruktur mit
Für TRIMT liegt der Wert der Übernahme deshalb nicht allein in zusätzlicher Finanzierung (über die Stillschweigen vereinbart wurde). ABX verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 30 Jahre Erfahrung entlang der Radiopharma-Wertschöpfungskette – von der Entwicklung und der klinischen Herstellung über die regulatorische Unterstützung bis hin zur Kommerzialisierung und Versorgung.
Das Unternehmen hat bereits Erfahrung mit der Entwicklung radiopharmazeutischer Produkte. Dazu gehört die Mitentwicklung von ¹⁷⁷Lu-PSMA-617 bis zur klinischen Phase II, bevor das Programm an Endocyte, heute Teil von Novartis, auslizenziert wurde. Auch der PET-Tracer ¹⁸F-PSMA-1007 stammt aus der Entwicklung von ABX und ist in mehreren Ländern zugelassen.
Mit TRIMT trifft damit eine vergleichsweise kleine, wissenschaftlich geprägte Biotech-Firma auf einen etablierten Radiopharma-Entwickler und -Hersteller. Für die drei Programme bedeutet das vor allem Zugang zu den Fähigkeiten, die bei Radiopharmaka jenseits der eigentlichen Molekülentwicklung entscheidend werden: klinische Herstellung, regulatorische Prozesse, Versorgung mit radioaktiven Isotopen und später gegebenenfalls die kommerzielle Produktion.
„Die Übernahme von TRIMT und seiner integrinbasierten Technologie ist ein wichtiger Schritt beim Ausbau des Onkologieportfolios von ABX“, erklärte ABX-Geschäftsführer Marco Müller. Man wolle die Programme durch die Verbindung von Integrinbiologie und Radiopharma-Kompetenz weiterentwickeln.
Für TRIMT-Gründer Jakub Simecek, Johannes Notni und Dirk Freitag-Stechl wiederum markiert die Transaktion den Übergang von der wissenschaftlich getriebenen Technologieentwicklung zur nächsten Entwicklungsstufe. Ihr Ziel sei es gewesen, Integrin-bindende Moleküle aus der biologischen Forschung in Radiopharmaka zu überführen. Mit ABX soll diese Technologie nun in die klinische Entwicklung und perspektivisch in die Patientenversorgung gebracht werden.
Für ABX ist die Akquisition damit vor allem eine Erweiterung der Radiopharma-Plattform um ein weiteres biologisches Target. Für TRIMT ist sie der nächste Schritt vom akademisch geprägten Technologietransfer hin zu einer breiter aufgestellten klinischen Entwicklung. Ob sich aus der Kombination von αvβ6/αvβ8-Bildgebung und zielgerichteter Radionuklidtherapie tatsächlich neue therapeutische Optionen entwickeln lassen, müssen die laufenden klinischen Programme zeigen.
Radiopharma-Schwerpunkt in Sachsen
In Sachsen setzt man auf die Radiopharmazie: Das entsprechende sächsische Radiopharmazie-Netzwerk heißt nukliD® – Radiopharmacy Cluster und hat sich im Januar 2025 im Großraum Dresden konstituiert. Ziel des Netzwerkes ist naturgemäß die Bündelung von sächsischer Expertise aus Wissenschaft und Wirtschaft, um die Radiopharmazie in der Krebsdiagnostik und -therapie voranzutreiben. Dazu nutzt man auch Mittel des Bundes. Das BMBF förderte den Wachstumsnukleus seit 2023 mit 12 Mio. Euro. Das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) bildet hierbei einen historischen und wissenschaftlichen Kern. Partner sind rund 60 Akteure, darunter das HZDR, die hier näher beschriebene ABX advanced biochemical compounds, CUP contract labs, ROTOP Pharmaka und Isotope Technologies Dresden.

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